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Musikpädagogische Exkursion nach Den Haag

Leitung: Prof. Dr. Gerhard Sammer
PROFIN-Bericht von Kilian Baur und Volker Hagemann

1. Fokus: Integration

Unter Bezugnahme auf das Programm zur Förderung der Integration ausländischer Studierender (PROFIN) wurden verschiedene Aspekte der Integration ausländischer Studierender gezielt in den Fokus der “Musikpädagogischen Exkursion“ im November 2012 gerückt. Dies erfolgte insbesondere in der Vorbereitungsphase in intensiven, diskursiven Seminar-Sitzungen auch unter Einbindung von ausländischen Studierenden der Hochschule für Musik Würzburg, um neben einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Thematik Integration auch Erfahrungen aus dem direkten Studienumfeld der 12 teilnehmenden Lehramtsstudierenden einzuholen und daran anknüpfend auch konkrete Maßnahmenpakete für die Musikhochschule zu entwickeln und für die Umsetzung vorzuschlagen.
Aufgrund der Tatsache, dass alle Studierenden in Lehramtsstudiengängen eingeschrieben waren, lag es dabei nahe, auch die Frage der Integration von ausländischen Schülern im schulischen Musikunterricht näher zu erörtern. Die beteiligten Studierenden zeigten eine hohe Bereitschaft, sich ganz aktiv für eine stärkere Integration im direkten Studienumfeld einzusetzen. Der entsprechende Bedarf nach persönlichem Engagement und mögliche handlungsbezogene Akzente führten durch die Dissemination der Ergebnisse an der Hochschule über den Kreis der direkt involvierten Studierenden hinaus zu einem neuen Bewusstsein im Umgang mit den ausländischen Kommilitonen.

2. Vorschläge für Maßnahmen zur Intergation

Es stellte sich schon beim ersten Brainstorming mit anschließender Diskussion heraus, dass man aus Sicht der Studierenden sowohl in der Hochschule als auch als künftiger Lehrender in einer Schule vor der Aufgabe steht, ein konkretes Bewusstsein für eine pluralistische Weltgesellschaft zu schaffen.
Die Vorschläge, die von den Studierenden in der Arbeitsphase zusammengetragen wurden, sind teilweise Ideen für zukünftige Projekte und teilweise auch Erfahrungen oder Ergebnisse von bereits durchgeführten Aktionen zur Förderung der Integration an der Musikhochschule Würzburg. Als positives Beispiel für ein integratives Projekt wurden die im Jahr 2011 veranstalteten „Japan-Tage“ genannt, bei denen deutschen sowie ausländischen Studenten
(wobei der Fokus auf der Integration der japanischen Studenten lag) ein vielseitiges Programm geboten wurde und beiden Seiten ein besonderer Einblick in eine fremde Kultur gewährt wurde.
Kulturelle Unterschiede kennen und verstehen lernen ist ein wichtiger Schritt um Integration zu ermöglichen. Ein anderer wichtiger Faktor ist die Sprache. Integration erfordert Kommunikation und dies kann sicherlich durch Sprachkurse gefördert werden, wobei dies meist eine zu eindimesionale Aktion ist. Durch mehrsprachige Konzert- oder Veranstaltungsplakate kann man einerseits ausländische Studierende ansprechen, aber andererseits auch die Einheimischen darauf aufmerksam machen, dass man sich an einem internationalen Haus befindet. So wurde beispielsweise beim Sommerfest der Musikhochschule im Jahr 2010 die Einladung in mehreren Sprachen (spanisch, russisch, chinesisch, koreanisch, deutsch und englisch) gefertigt, damit sich jeder Student angesprochen fühlen konnte.
Als wichtiger Punkt zur Integration sah die Gruppe auch das Einbringen von Erfahrungen und Erlebnissen; das Sammeln von Erfahrungen und die Reflexion darüber sollte ein Bestandteil des Studiums sein, damit man sich mit der eigenen Persönlichkeit und auch dem jeweiligen Ausbildungs- und Schulsystem reflexiv auseinandersetzt.
Durch ein kontinuierliches über diese konkrete Projekt hinausreichende Engagement bzw. eine weiterführende Umsetzung der entwickelten Strategien im Sinne einer besseren Integration ausländischer Studierenderen, kann ein starkes Bewusstsein für eine pluralistische Weltgesellschaft geschaffen werden und im Rahmen der Hochschule für Musik Würzburg ein Raum der Wertschätzung für Studierende jeder Herkunft entstehen.
Abbildung: Von den Studierenden entwickeltes Poster, das die wesentlichen Aspekte strukturiert darstellt.

3. Zur Exkursion

Im Rahmen der musikpädagogischen Exkursion unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Sammer besuchten 12 Studierende der Hochschule für Musik Würzburg im November 2011 Den Haag. Neben dem Erkunden und Kennenlernen eines anderen Landes, stand vor allem der Austausch mit dem königlichen Konservatorium Den Haag und seinen Studenten und Lehrenden sowie die Frage der dortigen Integration von ausländischen Studierenden im Mittelpunkt. Das umfangreiche Programm gab neben dem Sammeln zahlreicher Eindrücke in die niederländische Kultur und in die dortige Musiklehrerausbildung auch den Raum für Reflexion und Diskussion zu unterschiedlichen Themen, die eine besondere Relevanz für die persönliche Studiensituation der Studierenden und die Integrationsthematik besitzen.

4. Zum Exkursionsverlauf

Die Teilnehmer aus unterschiedlichen Semestern und Studienrichtungen der Unterrichtspraxis

Schulmusik starteten am 28. November 2011 mit dem Zug nach Den Haag. Die Gruppe machte einen halbtägigen Zwischenstopp in Amsterdam, um einen ersten Einblick in die niederländische Kultur zu gewinnen. So besuchte man das Van Gogh Museum, unternahm eine Grachtenfahrt und machte einen Stadtrundgang mit einem Studenten des Konservatoriums Den Haag, der auch im Vorfeld bei der inhaltlichen und organisatorischen Planung der Exkursion aktiv beteiligt war und die Würzburger während der Exkursion begleitet hat. Der Kurzbesuch Amsterdams wurde mit einem gemeinsamen Abendessen abgeschlossen, bei dem die Tageseindrücke besprochen werden konnten. Allgemein wurde bei der Planung der Exkursion angestrebt, der Gruppe möglichst viele gemeinsame Erfahrungen zu ermöglichen, um den Austausch innerhalb der Gruppe zu intensivieren. Spät abends erfolgten dann die Weiterfahrt nach Den Haag und der Check-In in einem Hostel in Scheveningen.
Der nächste Tag startete früh, da ein Schulbesuch unterschiedlicher Schulen Den Haags auf dem Programm stand. In Gruppen zu je drei Studenten traf man sich mit Studierenden des Konservatoriums, um diese bei ihrem Praktikum zu begleiten. Nachdem ein wichtiges inhaltliches Ziel der Exkursion das Kennenlernen einer anderen Musiklehrerausbildung war, bot die Gelegenheit zur Unterrichtsbeobachtung einen hervorragenden Einblick, da man an der Strukturierung und Konzeption eines Schulpraktikums viel aus den jeweiligen Auffassungen zu Methodik und Didaktik des Musikunterrichts und die damit verbundene Umsetzung der Lehrerausbildung schließen kann.
In einem nachmittäglichen Seminar im königlichen Konservatorium Den Haag kamen die deutschen und niederländischen Studenten zusammen, um gemeinsam mit ihren Lehrenden über die Eindrücke des Vormittags zu sprechen. Das zentrale Thema, der sich entfaltenden Diskussion war „The practice of being a music teacher“.
Auffallend war die hervorragende Ausstattung der besuchten niederländischen Schulen im Unterrichtsraum für Musik (Instrumente, mediale Ausstattung usw.)Schnell wurden auch diverse Unterschiede bezüglich der Vorstellung und Planung des Unterrichts zwischen deutschen und holländischen Studenten deutlich. In diesen Punkt spielt natürlich auch die Frage nach dem Curriculum und eine allgemeine Schwerpunktsetzung in der musikalischen Ausbildung der Schüler hinein, die in einer weiteren Veranstaltung am Donnerstag aufgegriffen wurde.
Ein besonderer Moment der Begegnung zwischen niederländischen und deutschen Musikstudierenden war die gemeinsame Gestaltung eines Schulmusik-Konzertabends im Konservatorium. In entspannter Atmosphäre genoss man die Beiträge der Studenten, bis man nach dem offiziellen Programm zum gemeinsamen Musizieren überging.
UnterrichtspraxisDer Mittwoch begann mit der „Musician Lab“ unter Renee Jonker ebenfalls mit gemeinsamem Musikmachen und gab dabei interessante Impulse für die eigene musikpädagogische Arbeit. Insgesamt war es für alle Teilnehmer sehr bereichernd, dass es in der Planung der Exkursion gelungen ist, die niederländischen Studierenden bei vielen Programmpunkten zu integrieren, so dass ein ungezwungener Austausch über das Studium, den Beruf im Allgemeinen, oder auch die kulturellen Unterschiede möglich wurde.
Am Nachmittag standen weitgehend Aktivitäten in Den Haag auf dem Programm, die auf die kultur- und musikhistorische Bedeutung der Stadt und Region Bezug nahmen. So unternahm man, abermals unter der Leitung von Imre Ploeg, einen ausgedehnten Stadtrundgang mit Erläuterungen zu wichtigen Gebäuden und typisch niederländischer Architektur. Der Besuch des beeindruckenden Rundpanorama-Gemäldes erlaubte einen Blick auf die Ortschaft und die Küste Scheveningens im 19. Jahrhundert. Die kurze Fahrt nach Leiden lohnte sich, da man hier durch eine malerische Altstadt bummeln konnte.
Der Besuch des Residentie Orchestra im Konzerthaus Den Haag am Donnerstagvormittag, beleuchtete das Thema musikalischer Erziehung und Förderung von einer anderen Seite. Die Studierenden erfuhren bei einer Führung durch das Konzerthaus viel zur Arbeit des Residentie Orchestra und zu den Bemühungen junge Musiker zu fördern und in das Konzerthaus zu bringen. Anschließend gab es Gelegenheit mit einer Orchestermusikerin zu sprechen und eine Probe mitzuerleben. Auch hier spielt das Thema der interkulturellen Integration eine besondere Rolle.
In einer nachmittäglichen Seminarsitzung mit Wouter Tempelaar und Ruth van der Putte stellten sich die Studierenden aus Deutschland und den Niederlanden gegenseitig das jeweilige Schulsystem und den Aufbau der Musiklehrerausbildung vor. Thematisch knüpfte diese Sitzung an den Dienstagnachmittag an und regte zur Diskussion an, was bei allen Unterschieden die
Essenz der musikalischen Ausbildung sein sollte und wie sich das mit dem jeweiligen Bild von Musikunterricht vereinbaren lässt.
SeminarIm anschließenden Gespräch mit Adri de Vugt, dem stellvertretenden Rektor des Konservatoriums, wurde nochmal genauer auf die Frage eingegangen, welche Maßnahmen die unterschiedlichen Hochschulen zur Integration ihrer Studierenden ergreifen. Die Würzburger Studierenden berichteten zuvor ausführlich über ihre Erfahrungen beim Penderecki-Projekt mit polnischen Kommilitonen. Dieses außerordentlich groß angelegte Projekt mit Aufführungen im Würzburger Dom und in einer Stadthalle bei Krakau konnte deutsche und polnische Musikstudenten durch das gemeinsame Musizieren in Deutschland und in Polen miteinander verbinden.
Auch die Japantage und das internationale Sommerfest zur Fußball-WM sind zwei ausgewählte Projekte der Musikhochschule Würzburg, die als Mittelpunkt der Veranstaltung das Miteinander von Studenten verschiedener Nationen haben. So fand z.B. im Rahmen des internationalen Sommerfests ein Tischfußball-Turnier statt, bei dem die Mannschaften ausnahmslos aus gemischten Nationen bestanden.
Bei den anschließenden Gesprächen über diese Projekte fiel auf, dass die Integration in Deutschland (in diesem Fall an der Musikhochschule Würzburg) einen weitaus größeren Stellenwert besitzt als in den Niederlanden (bzw. an dem Konservatorium in Den Haag).
Erstaunlich war da die Aussage de Vugts, dass Integration an seinem Konservatorium kein großes Thema sei. Er sieht es als selbstverständlich an, dass sich die Studierenden am Haus einbringen, wenn Sie sich zu diesem Studium entschieden haben und auch die Voraussetzungen dazu erfüllt haben.
Als abschließenden Programmpunkt im Konservatorium Den Haag wurden die Würzburger von niederländischen Studierenden durch das Haus geführt. Beeindruckend war hierbei die Vielfalt der Studiengänge, die alle unter einem Dach versammelt sind. So entdeckte man beispielsweise eine Ballettschule oder ein Tonstudio.
Am Abend fuhr die Gruppe um Prof. Sammer ins nahe Delft, wo man ein Crossover-Konzert zu „Hiphop und Monteverdi“ besuchte. Nach der beeindruckenden Vorstellung kam eine längere Diskussion zu Stande, da sich in der Vorstellung zahlreiche Schulklassen befanden, die ein sehr lautes, unruhiges Verhalten an den Tag legten. Die Studierenden diskutierten daraufhin mit ihrem Professor, welche Möglichkeiten einem Lehrer in solch einer Situation bleiben, um die Klasse in den Griff zu bekommen.

5. Fazit und Ausblick

Die Teilnehmer der Exkursion waren sich nach den Tagen in Den Haag alle einig, dass eine sehr bewegende und eindrucksvolle Woche hinter ihnen liegt, die durch viele Erlebnisse und Erfahrungen den Blick auf die eigene Ausbildung und den späteren Beruf verändert hat. Die Gruppe ist schnell zusammengewachsen und es gab zahlreiche bereichernde Diskussionen und Gespräche auf der gemeinsamen Reise. So kann man festhalten, dass neben einem realen Wissenszuwachs zu einem anderen Schul- und Studiensystem, auch der persönliche Gewinn der Teilnehmer immens hoch war.
Der freundliche Austausch mit den Niederländern verbunden mit der gegenseitigen Neugier haben diese Woche bereichert und zu einem großen Interesse geführt, den niederländischen Kollegen auch unsere Ausbildungsstätte in Würzburg zeigen zu können. Bei allen Diskussionen über Ausbildungssysteme und staatlichen Lehrplänen war deutlich zu spüren, dass die Freude an der Musik ein zentrales verbindendes Element zwischen den Studierenden ist. Und zuletzt auch das Interesse daran, diese Freude und Begeisterung für Musik an junge Menschen weiterzugeben.

 

Letzter Tag..... Am Strand