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Einführung

1921 ging aus dem vor­ma­li­gen "Kö­nig­li­chen Kon­ser­va­to­ri­um der Mu­sik" das "Baye­ri­sche Staats­kon­ser­va­to­ri­um" hervor, welches Vor­läu­fer der heu­ti­gen Hoch­schu­le für Mu­sik Würz­burg ist. Durch die ein Jahr zuvor erfolgte Berufung des 39jährigen Pianisten und Komponisten Hermann Zilcher erhielt das altehrwürdige Institut neue künstlerische Impulse. Dazu zählte vor allem das seit 1921 jährlich von Studenten und Lehrern gestaltete Mozartfest, das zu einem Markenzeichen der Stadt wurde (und bis heute ist). Von der grundlegenden Erneuerung der Musiksprache in den verschiedenen Richtungen der Neuen Musik war allerdings fast nichts am Staatskonservatorium zu spüren. Hier wandte man sich ausgehend von der deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts, dem Kernrepertoire, rückwärts über Haydn und Mozart verstärkt den sog. Altklassikern Bach und Händel sowie schließlich in dem von Prof. Dr. Oskar Kaul geleiteten Collegium Musicum der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts zu. Von Schönberg dagegen war in Würzburg erst nach dem 2. Weltkrieg etwas zu hören. Stravinskij war bis dahin nur einmal in Gestalt der Feuervogel-Suite präsent. Und selbst von Hindemith erklang erst 1932 Musik in einem vom Komponisten selbst dirigierten Konzert. Auch in anderer Hinsicht, z.B. in Bezug auf die ‚Jazz‘-Welle, scheinen die sog. Goldenen Zwanziger an Würzburg vorbeigegangen zu sein.

Kaum etwas ist über die Würzburger Musikkultur und das Staatskonservatorium in der Nazizeit bekannt. Liest man die einzige vorliegende Darstellung dazu in der 1954 erschienenen Festschrift, so kommt darin der Kontext praktisch nicht vor.[1] Aufführungen werden aufgelistet und die Erweiterung des Unterrichtsangebots beschrieben. Eine Zäsur bildet vor dem März 1945 einzig der Kriegsbeginn, welcher wie ein Naturereignis in Erscheinung tritt („Dann brach der zweite Weltkrieg aus…“). Dass Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy nach 1934 nicht mehr gespielt wurde, dass fast alle hauptamtlichen Lehrer Mitglieder der NSDAP und auch anderer Nationalsozialistischer Organisationen wurden, dass die Konzerte des Staatskonservatoriums ab Herbst 1937 gemeinsam mit der Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude veranstaltet wurden – all dies (und vieles Andere) bleibt hier unerwähnt.

Diese Tatsache gab den Anstoß dazu, die Geschichte des Staatskonservatoriums in der Zeit 1933-1945 auf der Grundlage aller noch verfügbaren Quellen aufzuarbeiten. Um aus dem Arbeitszimmer des einsam werkelnden Wissenschaftlers hinauszutreten, fand im Sommersemester 2010 ein musikwissenschaftliches Projektseminar zum Thema statt. 13 Studierende widmeten sich einzeln oder in Kleingruppen einzelnen Aspekten der Thematik. Die Ergebnisse wurden am 3.11.2010 in der Hochschule öffentlich präsentiert, wobei auch Musik verfemter Komponisten erklang, um den größeren Rahmen anzudeuten, in dem die kaum spektakulären Würzburger Geschehnisse zu sehen sind (siehe das Programm des Abends). Im Zuge der Arbeit zeigte sich rasch, dass eine Begrenzung auf die Jahre des Dritten Reichs nicht sinnvoll ist, zum einen weil das Jahr 1933 kaum eine merkliche Zäsur im Staatskonservatorium darstellt und zum anderen weil die ansatzweise Bewertung der Geschehnisse bis 1945 in der Nachkriegszeit im Zusammenhang mit der sog. Entnazifizierung sowie der Wiedereröffnung des Lehrbetriebs untrennbar zu dieser Epoche dazugehört. Daraus ergibt sich der ungefähre Untersuchungszeitraum 1930-1950.

Neben Interviews mit Zeitzeugen sollen auf dieser Seite in der nächsten Zeit Ergebnisse aus der Arbeit der StudentInnen sowie des Projektleiters bereitgestellt werden.

Christoph Henzel


[1] Vgl. Roland Häfner, Die Geschichte des Instituts von 1804-1954, in: Festschrift zum 150. Jubiläum des Bayerischen Staatskonservatoriums der Musik Würzburg, [Würzburg] 1954, S. 7-56.