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Interview mit Hildegard Poschet

über das Würzburger Musikleben in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Das Gespräch fand am 16. Mai 2012 statt. Die Fragen stellten Prof. Dr. Bernd Clausen und Prof. Dr. Christoph Henzel.

Hildegard Poschet

Hildegard Poschet: Geboren 1928 in Würzburg. Bis 1945 Besuch der Volks- und Oberschule. Ausgebombt am 16. März 1945. Umzug „aufs Land“ in die Nähe von Dettelbach. Ab Herbst 1946 wieder Besuch der Oberrealschule (jetzt Röntgen-Gymnasium). 1949 Abitur. 1949 – 1952 Studium als Dipl.-Bibliothekarin an Öffentlichen Bibliotheken in Stuttgart mit Praktikum in der Stadtbücherei Würzburg. 1952 Dipl. Examen. Ab Januar 1953 Bibliothekarin in der Stadtbücherei Würzburg, 1963 stellvertretende Leiterin, 1974 Leiterin. 1993 Ruhestand. Seitdem verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten: Mobiler Bücherdienst, Vorlesen für Kinder und Senioren, Lesebegleitung in der Adalbert-Stifter-Schule, einige Jahre Dozentin in der Volkshochschule (für Ältere), Leonhard-Frank-Gesellschaft, Terre des Hommes – außerdem Fremdsprachen auffrischen und anderes.

 

CH: Sie sind in Würzburg geboren und aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit in Würzburg?

HP: Ich bin relativ lange in die Volksschule – Peterschule bzw. Petrinischule, wie sie in der Nazizeit genannt wurde – gegangen und war dann in der Aufbauschule, die es eigentlich nur zu der Zeit gab. Dorthin kam man nach der 6. oder 7. Klasse und konnte dann Abitur machen. Sie gehörte zur damaligen Oberrealschule, dem späteren Röntgengymnasium. Nach dem Krieg kamen wir automatisch in die Oberrealschulklassen und machten dort Abitur. Das war für uns nur insofern schlimm, als wir nun das große und nicht das kleine Latinum machen mussten. Aber ich habe es sehr gut geschafft.

BC: Wie war der Musikunterricht in der Schule?

HP: Ich war nicht besonders gut im Singen, aber ich habe Musik geliebt. Und ich habe eigentlich immer nur die Lehrerinnen geschätzt, die auch wirklich gut singen konnten. In der 5. oder 6. Klasse hatten wir eine, die hat immer so fades Zeug gesungen. Das war langweilig. In der Volksschule haben wir nur ganz einfache Lieder gesungen, auch Kanons, unbegleitet, da es kein Klavier gab.

Es wurde aber die „Hausmusik“ gepflegt. Das heißt, jedes Jahr wurde ein „Tag der Hausmusik“ abgehalten. Wer ein Instrument spielte, konnte sich melden. Er musste vorspielen und dann wurde von einer Lehrerin und einem Lehrer ein Programm zusammengestellt. In der Turnhalle gab es dann vor allen Klassen die Aufführung. Ich lernte Schifferklavier bei einer ehemaligen Opernsängerin. 1941, zum 150. Todestag vom Mozart, wurde nur Mozart gespielt. Ich trug mit zwei weiteren Mädchen das Menuett aus der Kleinen Nachtmusik vor!

In der Aufbauschule hatten wir bei Professor Pollmann Musik und auch Musiktheorie. Er stammte aus der Oberpfalz und verehrte Max Reger, mit dem wir 14/15jährigen noch nicht viel anfangen konnten. Aber da wir eine gemischte Klasse waren, konnte er gut mehrstimmige Lieder mit uns einstudieren.

Es war außerdem möglich in der Schule ohne Extrakosten ein Instrument zu lernen. In verschiedenen Klassenräumen standen Klaviere und man konnte dort üben. Bei der Klavierstunde waren wir zu dritt. Den Unterricht erteilte Herr Link, der 1. und Solocellist am Stadttheater – und sehr kinderreich – war. So konnte er sich etwas hinzuverdienen. Das ging bis Kriegsende. Als die Schule im Herbst 1946 wieder begann, gab es erst mal keinen Musikunterricht mehr.

BC: Kannten Sie die Musikschule Heuler?

HP: Ja, in der 1. oder 2. Klasse kamen die beiden Brüder in die Schule um zu werben. Das war wohl 1936. Sie kamen, wenn die Schule und die Lehrerin es erlaubten. Sie fragten uns, wer nicht gerne singen würde. Wenn sich einer meldete und nein sagte, bekam er zur Antwort: „Wer nicht gerne singt, ist entweder blöd oder krank.“ Von meiner Klasse ging niemand in die Musikschule.

Ende der 30er Jahre musste diese Schule schließen. Von Alo, dem Älteren, gibt es noch Gedichte. Josef, der Jüngere, hat nach dem Krieg privat Gesangs- und auch Sprechunterricht erteilt. Als ich mit meinem Praktikum in der Stadtbücherei anfing, fand meine Chefin, dass ich nicht schön hochdeutsch spräche und schickte mich zu ihm, wegen der allzu fränkisch klingenden Ps, Ts und As. Er hat mir Sprechunterricht gegeben, aber auch Lieder beigebracht. Meine jetzige Nachbarin, Ruth Lehritter, dagegen, hat ihre Altstimme bei ihm ausgebildet. Sie spielte in der Würzburger Liedertafel und im Chorleben Würzburgs bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts eine Rolle.

CH: Welche Erinnerungen haben Sie an das Musikleben in Würzburg?

HP: Meine musikalischen Erfahrungen gehen viel stärker auf das Theater, als auf Konzerte zurück. Ich war einmal im Konservatoriumssaal. Es war im letzten Kriegswinter, denn ab Herbst 1944 ist das Musikleben bzw. Vorstellungsleben erloschen. Da gab es kein Theater mehr und es gab auch sonst nicht mehr viel. Am besten habe ich ein Konzert im Saal der früheren Harmonie in Erinnerung. Dort habe ich das (etwas kitschige) Violinkonzert von Bruch gehört, was mich damals sehr beeindruckt hat. Es spielte ein junger Würzburger namens Buchner; ich weiß nicht, ob er hinterher berühmt geworden ist. Das dürfte so 1943 gewesen sein.

BC: Erinnern Sie sich an andere Aufführungen?

HP: Ich weiß kaum noch etwas aus der Zeit vor dem Krieg. Ein Konzert mit dem Tenor Helge Rosvaenge im Platz’schen Garten ist mir noch in Erinnerung. Das war mit Sicherheit im Winter 1943 / 44.

Meine Eltern waren keine Konzertbesucher. Meine recht musikalische Mutter liebte auch Standkonzerte. Es gab natürlich eine Militärkapelle in Würzburg, die sonntags im Hofgarten welche abhielt. Da sind wir öfters hinspaziert.

Wir wohnten in der Neubaustraße, quasi neben dem Hofgarten. Natürlich hat man da auch etwas vom Mozartfest mitbekommen. Es war wohl 1941 oder 1942 als ich zum 1. Mal mit meiner Mutter die Nachtmusik besuchte, auf „Promenadeplatz“ natürlich. Die Nachtmusik spielte sich kaum anders als heute ab. Es gab keine Picknicks und alle Besucher waren festlich gekleidet. Aber – außer der Musik wurde auch für’s Auge was geboten. Es gab Balletteinlagen. Auf dem Rasen rings um den Springbrunnen wurde getanzt. Bis 1940 hat Tanzlehrer Effner diese Tänze geleitet. 1940 hat er sie von Kerzen beleuchten lassen, Fackeln genannt, getragen von Kindern. Und bei denen durfte ich mitmachen. Ein „roter“ Fackelchor mit kleineren Mädchen (lange weiße Gewänder mit „roten“ Schärpen) nahm feierlich außen um den Rasen Aufstellung. Ein „blauer“ Fackelchor (lange weiße Gewänder mit „blauen“ Schärpen) nahm innen dicht um das Wasserbecken Aufstellung. Auf dem Rasen tanzten als Sarotti-Knaben verkleidete Tänzerinnen des Stadttheaters nach Mozarts Marsch „Alla turca“. Den beiden Aufführungen gingen zahlreiche Proben am frühen Abend voraus, mit vielen Pausen, die wir in der Eingangshalle der Residenz verbrachten. Nie mehr habe ich später an einem schöneren Ort Verstecken gespielt! Im Treppenhaus Balthasar Neumanns mit Blick auf Tiepolos Fresken. Gleichzeitig war der Frankreichfeldzug im Gang und gelegentlich kamen Sondermeldungen aus einem Radio!

CH: Erinnern Sie sich an die Musik beim BDM?

HP: Ja, in den BDM, besser JM, sind wir automatisch in der 5. Klasse gekommen. JM = Jung Mädel hieß es ab 10 Jahren. Wir haben dort viel gesungen und keineswegs nur „Nazilieder“ wie Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren, sondern viele Volkslieder und Kanons: Keiner schöner Land, Im Frühtau zu Berge, Horch, was kommt von draußen rein, die „Wasserleitung“, d. h. Wenn alle Brünnlein fließen. Das gemeinsame Singen war wohl das Beste daran. Im Sommer 1944 waren wir mit der Klasse, d. h. die Mädchen, zum Erbsenpflücken in Darstadt bei Ochsenfurt. Wir hatten zur Aufsicht eine sehr unorthodoxe Führerin dabei. Am Abend saßen wir beisammen und sangen, ehe wir in unsere Schlaflager in der Scheune „zu Bett“ gingen.

CH: Welches Repertoire haben Sie im Stadttheater mitbekommen?

HP: Eine ganze Menge. Das ist erstaunlich, da es ja höchstens drei oder vier Spielzeiten waren, in denen ich wirklich etwas gesehen habe. Meine Mutter ging gerne in das Theater. Operetten und Opern mochte sie am liebsten. Bei Kriegsbeginn hatte sie ein Sonntagnachmittags-Abo,  damit ich abends nicht allein zu Hause sein musste (mein Vater war vom ersten Tag an im Krieg). Ich durfte zuerst auf „Stehparkett“ mit, wenn sie meinte, ein Stück könnte mich interessieren. Natürlich hatte ich als Kind immer die vorweihnachtlichen Märchenstücke besuchen dürfen. Schwarzer Peter von Norbert Schultze war dann die erste Oper, die ich im Winter 1939 / 40 sah und die mir gefiel. Den Waffenschmied von Lortzing ein Jahr später fand ich nicht so toll. Das Mittelalter war keine so anziehende Epoche. Der Wildschütz, noch ein Jahr später, dagegen gefiel mir sehr. Ich hatte die Aufführung und die Darsteller von damals wieder vor mir, als ich kürzlich die Aufführung im Mainfrankentheater sah.

Von Lortzing gab es in der letzten Kriegsspielzeit 1944 noch Zar und Zimmermann. In der Spielzeit 1941 / 42 sah ich noch Rigoletto, meine erste Verdi-Oper, die mich sehr beeindruckte. Es gab in diesen Kriegsjahren ein breites Angebot an Opern, von denen ich viele besuchte. Die „älteren“ waren wohl von Händel (Julius Cäsar) und von Gluck Die Pilger von Mekka, dann Mozart, von dem auch zum Mozartfest stets eine Oper aus dem Repertoire aufgeführt wurde. So sah ich Die Zauberflöte, Die Hochzeit des Figaro, Die Entführung aus dem Serail (die mir damals am besten gefiel!) und Don Giovanni. Der wurde 1944 beim Mozartfest zweimal von Karl Schmitt-Walter gesungen. Mit älteren Freundinnen hatte ich abwechselnd die Nacht durch an der Theaterkasse angestanden, um für eine der beiden Aufführungen Karten zu bekommen.

Bei Premieren und besonderen Aufführungen musste man im Übrigen auch unterm Jahr für Karten anstehen. Das Theater war immer gut besucht. Beim Anstehen für die Karten in der Theaterstraße (damals hieß sie Adolf-Hitler-Straße) konnte man in die Magazinräume der Stadtbücherei schauen. Da, wo auf vielen alten Ansichten des alten Stadtheaters das Theatercafé zu sehen ist, befand sich seit 1931 die neu eröffnete Städtische Volksbücherei (bis 1933 "Max-Heim-Bücherei"). Und im 3. Stock des Gebäudes befand sich seit 1934 eine erste, recht moderne Kinder- und Jugendbücherei. Die benutzte ich eifrig bis zu einem 14. Lebensjahr. Dann durfte man in die Erwachsenenbücherei! Auf dem Weg in den 3. Stock kam man im 1. und 2. Stock an den Proberäumen des Stadttheaters vorbei, aus denen oft Klavierspiel und Gesang zu hören war. Da stand ich öfters am Schlüsselloch und versuchte etwas von dem zu erspähen, was drinnen vor sich ging.

Quelle: Zweihundert Jahre Theater Würzburg, hg. v. Mainfrankentheater Würzburg, Würzburg 2004, S. 97

Was habe ich noch gesehen? Viel: Von Rossini Der Barbier von Sevilla, von Verdi noch La Traviata und Falstaff, von Puccini La Bohème und Der Mantel und von Leoncavallo Bajazzo, Martha von Flotow, Hänsel und Gretel von Humperdinck. Das war wohl 1943 und es gab auch in Würzburg schon öfter Fliegeralarm. Als wir im geräumigen Luftschutzkeller des Theaters versammelt waren, hüpfte zu unserem Vergnügen die Hexe, dargestellt von dem jungen Tenor Karl Dall, auf ihrem Besen durch die Zuschauer. In der letzten Spielzeit gab es eine tolle Aufführung von Fidelio, mit einem Gast als Florestan. Auf einmal wurde Fidelio nicht mehr gespielt.  Es hieß, der Sänger habe „Schwarzsender“ gehört, sei erwischt und verhaftet worden. Aber nach einiger Zeit gab es die Oper wieder mit dem gleichen Florestan.

Und dann gab es Die Kluge von Carl Orff, die erst ein Jahr vorher uraufgeführt worden war. Die hat mich sehr beeindruckt und mir sehr gefallen. Die Hauptrolle sang Emmy Erb als Gast. Sie war die Frau des Opernkapellmeisters Cornelius Monske, der nach dem Krieg beim Wiederbeleben des Würzburger Theaters mitwirkte.

CH: Das war wohl das modernste Stück, das in Würzburg damals gespielt wurde. Sonst gab es nichts Zeitgenössisches in der Oper, nur Repertoirestücke aus dem 19. Jahrhundert und Mozart.

HP: Ja, das stimmt, außerdem noch Operetten. Sonst war gar nichts Modernes dabei. Nicht einmal Wagner.[1] Richard Strauss gab es noch.

CH: Welche Operetten haben Sie erlebt?

HP: Viele Operetten „liefen“ ja noch besser als Opern. Und die Menschen mussten bei Laune gehalten werden. Von Lehár war immer etwas auf dem Spielplan: Land des Lächelns, Zarewitsch, Friederike, Eva, Giuditta; von Künneke Vetter aus Dingsda, Glückliche Reise Suppés Dichter und Bauer,  Dostals Ungarische Hochzeit, Maske in Blau von Raymond, Die Dubarry von Millöcker/Mackeben, Wiener Blut von Johann Strauss. Die Erntebraut von Nedbal. Der ursprüngliche Titel Polenblut war geändert worden. Marietta von Kollo.

An die Theateraufführungen erinnere ich mich weniger. Am besten habe ich Die Räuber in Erinnerung.  Erwin Schweizer spielte den Franz Moor.  Es war eine eindrucksvolle Aufführung. Es gab auch Sondervorstellungen von KdF (Kraft durch Freude) organisiert.

CH: Nazistücke wurden hier auch gespielt, von Schlageter zum Beispiel oder von Joost.

HP: Sicher, aber eher in den 30er Jahren. Es gab wohl immer ein oder zwei Klassiker. Beim Durchschauen einer alten Spielplanübersicht fiel mir wieder Schluck und Jau von Hauptmann ein, den ich gesehen habe. Es gab auch unterhaltende Eintagsfliegen. So erinnerte ich mich beim Lesen an Das neunzackige Mädchen von Franz Gribitz. Seitdem weiß ich, was die Zackenanzahl einer Krone bedeutet: Mit 9 Zacken ist man eine Gräfin oder Graf (7 = Baron, 5 = einfacher Adel). Damals haben mich musikalische Aufführungen mehr beeindruckt. Das „Wort“ hat später erst aufgeholt.

CH: Sind Ihnen auffällige Inszenierungen im Stadttheater in Erinnerung?

HPDie Kluge war etwas Besonderes. Die Dubarry wurde mit viel Aufwand an Balletteinlagen inszeniert. Im Figaro waren die prächtigen Kleider sehr im Rokoko-Stil gehalten. Heute sieht man solche Ausstattung nicht mehr. Bei der Entführung aus dem Serail war der Rahmen orientalisCH: Konstanze und Belmonte waren blau und europäisch gekleidet, Osmin und Blondchen trugen weite Gewänder, die ihren von Natur aus rundlichen Figuren entgegenkamen. Die Zauberflöte war ägyptisch inszeniert. Damals machte man keine Experimente, man hielt sich an Zeit und Ort wie vorgegeben.

CH: Haben Sie auch Kirchenmusik erlebt?

HP: Ja, in der Neubaukirche, vor allem die Konzerte von Hanns Schindler.[2] Zum Gottesdienst haben wir diese Kirche nicht besucht, aber ab und an zu Konzerten.

CH: Waren Sie am 16. März in der Stadt?

HP: Ja und nein. Das heißt, wir waren nicht im Keller unserer Wohnung in der Neubaustraße, sondern im Keller von Kloster Himmelspforten in der Zellerau. Und dort fielen am 16. März noch keine Bomben. In dem Exerzitienhaus Himmelspforten war ein Reservelazarett der Zahnklinik untergebracht, in dem mein Vater die Schreibstube führte. Er war als Sanitäter, bis er 1943 erkrankte, immer hinter der Front gewesen und nun, über 40 Jahre alt, im „Heimatdienst“ eingesetzt. Es gab damals schon häufig Alarm. So boten die Nonnen meiner Mutter und mir ein Zimmerchen zum Übernachten an. Der 16. März war der zweite Abend, an dem wir in die Zellerau geradelt waren. Wir haben den Angriff natürlich gehört und haben das brennende Würzburg gesehen. Am nächsten Morgen sind wir in die Stadt gelaufen. Sie war wie ausgestorben, eine einzige Ruine. Da hat nichts mehr gebrannt und die meisten Mauern standen noch. Aber innen war alles ausgebrannt. Man konnte durch die Straßen laufen. Einen Toten habe ich gesehen. Wir sind durch das Kellerfenster in unser Haus gestiegen, denn im Keller war alles ganz geblieben. Wir sind dann zu Verwandten bei Dettelbach gezogen.

Privatbesitz Frau Poschet

1946 fing die Schule wieder an. Wir wohnten noch bei den Verwandten, also musste ich früh um sechs loslaufen – das waren drei Kilometer Weg – und dann mit dem Zug nach Würzburg fahren.

Anfangs hatten wir die halbe Woche vormittags, die anderen Tage nachmittags Schule, weil es noch nicht genug Schulräume gab. Musikunterricht hatten wir nicht mehr.

CH: Was hat sich nach 1945 im Musikleben verändert?

HP: Irgendwo stand das „So viel Anfang war nie“.[3] Nach 1945 fing so viel neu an, was wir vorher nicht kannten. Da fingen einige an Jazz zu spielen; wir wurden förmlich mit neuer Musik überschwemmt. Es wurden auch im Radio Komponisten gespielt, die in der Nazizeit verboten waren. Es kamen die neuen Schlager aus Amerika. Es kamen die Chansons aus Frankreich. Es kamen die Romane und Theaterstücke, die wir nicht kannten.

BC: Ab wann fanden nach dem Krieg wieder Vorstellungen statt?

HP: Das ging fast sofort los. Wie, kann man nachlesen in: Michael Meisner, 30 Jahre danach. Am Beispiel einer Universitätsstadt. Würzburg 1975. In der Stadtbücherei und in der Unibibliothek kann man das Buch entleihen.

Das Theater am Wittelsbacher Platz in der ehemaligen Turnhalle der Lehrerbildungsanstalt eröffnete im August 1946. Ich wohnte noch auf dem Land und um ins Theater zu gehen, musste ich bei Freunden in Würzburg übernachten. Vor allem an die Schauspiele von Autoren aus Frankreich (z. B. Antigone von Anouilh) und den USA (z. B.  Unsere kleine Stadt von Wilder), in der Musik an den Konsul von Menotti und etwas später das Musical Kiss me Kate von Cole Porter erinnere ich mich noch gut, außerdem an die Laufmaschen in den damals kostbaren neuen Nylonstrümpfen, die man sich an den rohen Holzstühlen des „neuen“ Theaters holen konnte.


[1] In der Spielzeit 1940/41 wurde Der fliegende Holländer gegeben.

[2] Schindler, Studienprofessor am Staatskonservatorium und Gaumusikreferent der NS-Kulturgemeinde, veranstaltete ab Winter 1934 regelmäßig Volkstümliche musikalische Feierstunden im Alfred-Rosenberg-Haus und – im Sommer – Orgelfeierstunden in der Universitätskirche.

[3] Vgl. Hermann Glaser, So viel Anfang war nie. Deutsche Städte 1945 – 1949, Berlin 1989.