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Die Konzertprogramme des Staatskonservatorium

Unsere Gruppe hat sich mit dem Konzertleben am Staatskonservatorium beschäftigt, indem wir die Konzertprogramme der Studienjahre 1929/30 bis 1940/41 untersucht haben. Als Quelle dienten uns die im Archiv der Hochschule für Musik überlieferten Jahresberichte dieser Jahre.[1] Sie enthalten neben einer Auflistung der Lehrenden und Studierenden auch eine Zusammenfassung der musikalischen Aktivitäten, vor allem eine Auflistung aller Konzerte mit vollständiger Angabe aller gespielten Stücke. Wir haben die aufgeführten Komponisten nach Epochen geordnet, um das Profil des Aufführungsrepertoires bestimmen zu können. Wir wollten wissen, ob und wie sich die Programmgestaltung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geändert hat.

1. Die Anzahl der Konzerte und Werke

 

1929-30

1930-31

1931-32

1932-33

1933-34

1934-35

22 / 138

18 / 99

24 / 141

21 / 131

20 / 141

22 / 111

1935-36

1936-37

1937-38

1938-39

1939-40

1940-41

22 / 127

21 / 106

22 / 102

20 / 112

18 / 90

16 / 87

 

Der auffällige Einbruch im Studienjahr 1930/31 hängt damit zusammen, dass das Quellenmaterial für diesen Zeitraum unvollständig ist, da aus dem Jahrbuch mehrere Seiten teilweise oder vollständig entfernt wurden. Wahrscheinlich blieb die Zahl der Konzerte bzw. der aufgeführten Komponisten auf der Höhe der Jahre davor und danach.

Die Anzahl der Komponisten hängt natürlich nur indirekt mit der Anzahl der Konzerte zusammen, da – je nach Länge der Stücke – in einem Konzert viele verschiedene oder aber auch nur ein einziger Komponist zu hören waren. Allerdings könnte die Abnahme der Zahl der Komponisten ab 1934/35 darauf hinweisen, dass zu dieser Zeit einige Komponisten aus dem Repertoire gestrichen wurden. Deutlicher ist der Abfall ab 1939/40, also ab Kriegsbeginn. Von da ab ging die Anzahl der Schülerkonzerte schlagartig zurück (von 12-14 auf 6, 1938/39 waren es 10), was in der geschrumpften Schülerzahl begründet ist. Waren in den Jahren bis 1938/39 zwischen 400 und 550 Studierende eingeschrieben, so halbiert sich diese Zahl ab 1939/40 auf 262 bzw. 285 Studierende. Ausschlaggebend dafür waren sicher die Einberufungen zum Militärdienst.

2. Die Konzerttypen

Am Staatskonservatorium gab es Lehrer- und Schüleraufführungen, dazu kamen die Konzerte im Rahmen des Mozartfestes, ab 1936/37 1-2 Aufführungen des Collegiums Musicum sowie Sonderkonzerte.

Pro Jahr fanden 8 Lehrerkonzerte statt, in denen Lehrer und Schüler gemeinsam unter der Leitung eines der Lehrenden musizierten. So gab es Orchesterabende, häufig mit Solisten aus dem Kreis der Professoren, aber auch mit auswärtigen Solisten. Dabei ragt ein Ereignis heraus: Am 24. Februar 1932 dirigierte Paul Hindemith die Ouverture zu seiner Oper Neues vom Tage und spielte in seinem Bratschenkonzert op. 36/4 den Solopart.[2] Gegen Ende jedes Studienjahres wurde zusammen mit dem Chor und Orchester des Staatskonservatoriums ein großes Werk aufgeführt, so etwa 1932 das Verdi-Requiem, 1935 Bachs h-Moll-Messe und 1941 Idomeneo von Mozart in einer konzertanten Einrichtung.

Daneben gab es die sog. Schüler-Aufführungen, in denen Studierende und Hospitanten des Staatskonservatoriums auftraten. Die Hospitanten waren meist Studenten der Würzburger Universität, vor allem die Studenten der Schulmusik. Die Konzerte fanden entweder abends oder am späten Vormittag (meist um 11 Uhr) statt und bestanden meist aus einem bunt gemischten Programm aus Solowerken und Kammermusik, wobei bei einigen Konzerten auch das Orchester des Konservatoriums mitwirkte.

Bis 1935/36 wurden im Rahmen der Schüler-Aufführungen regelmäßig sog. Geistliche Abendmusiken in der Stephanskirche gegeben, in welchen Kantaten und Arien, aber auch Instrumentalwerke dargeboten wurden. Möglicherweise im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit des Staatskonservatoriums mit dem Konzertring der NS-Kulturgemeinde (1936/37) bzw. mit der Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude (ab 1937/38) war dies nicht mehr opportun. Die Lücke füllten die vom Gaumusikreferenten Prof. Hanns Schindler geleiteten „volkstümlichen Feierstunden“ bzw. (beschränkt auf den Sommer) „Orgelfeierstunden“ in der Universitätskirche. An ihnen wirkten Lehrer und Schüler des Staatskonservatoriums mit. (Ihre Programme müssten aus den Tageszeitungen erschlossen werden.)

Das Collegium Musicum wurde von Prof. Dr. Oskar Kaul geleitet, der am Staatskonservatorium vornehmlich Musikgeschichte und die Theoriefächer, daneben auch Klavier du Kammermusik unterrichtete und gleichzeitig an der Universität als außerplanmäßiger Professor für Musikgeschichte tätig war. Das 1929 gegründete Collegium Musicum stand Studierenden der Universität und des Staatskonservatoriums offen und widmete sich der älteren Musik von der Renaissance bis zur Klassik. Erst ab 1936/37 fanden die Konzerte im Staatskonservatorium statt.

Eine wichtige Rolle im Würzburger Kulturleben spielte bekanntlich das von Hermann Zilcher 1921 gegründete und geleitete Mozartfest, das jedes Jahr vom Staatskonservatorium ausgerichtet wurde. Das Orchester, der Chor und die Lehrenden wirkten mit, außerdem Solisten aus ganz Deutschland. Bis zu sechs Konzerte fanden statt, darunter 2 Orchesterkonzerte, Kammermusikabende und die „Nachtmusik“ im Hofgarten.

Im Zusammenhang mit der 1937 installierten Zusammenarbeit mit der NS-Kulturgemeinde Kraft durch Freude wirkte das Orchester des Staatskonservatoriums immer wieder an Festakten, Gedenkfeiern oder politischen Veranstaltungen mit. So umrahmte das Orchester 1937 den Festakt zur Einweihung des Kameradschaftshauses der Studentenschaft, 1938 wirkte es bei der Vereidigung der NS-Schwestern mit, 1938 und 1939 fanden anlässlich des deutschen Gaustudententages Kammermusikabende am Staatskonservatorium statt, 1938 wurde gelangte bei dieser Gelegenheit auch Verdis Ein Maskenball im Stadttheater Würzburg zur Aufführung und im Studienjahr 1939/40 wurden je ein Konzert für Verwundete und für die Wehrmacht im Kaisersaal der Residenz veranstaltet. Hermann Zilchers dirigierte dabei hauptsächlich Werke von Mozart, aber auch von sich selbst. 1939 und 1940 gab es schließlich je ein Konzert zum „Tag der deutschen Hausmusik“. Es erklangen Kammermusikwerke und Lieder meist deutscher Komponisten wie etwa Beethoven, Brahms, Händel und Schubert.

3. Schwerpunkt 19. Jahrhundert

Grafik: Epochale Einordnung / Komponisten, die ab 1850 geboren wurden
Epochale Einordnung / Komponisten, die ab 1850 geboren wurden (zur Vergrößerung bitte auf die Grafik klicken)

 

Insgesamt wurden Werke von 300 Komponisten aufgeführt. Zu 13% von ihnen konnten wir keine Informationen finden und sie deshalb auch keiner Epoche zuordnen. Mit 3% aller Komponisten bildet die Renaissance (15./16. Jahrhundert) die am wenigsten vertretene Epoche, gefolgt vom Barock (bis 1750) mit einem Anteil von 10%. Immerhin 12% aller Komponisten können der Klassik zugeordnet werden (bis ca. 1800). Allerdings sind hier die Aufführungen im Rahmen des Mozartfests nicht mit eingerechnet. Da hier hauptsächlich Werke von Mozart aufgeführt wurden, würde sonst das Ergebnis verfälscht.

Am häufigsten wurden Werke von Komponisten der Romantik (28%) oder jüngere Werke aufgeführt; 34% der Komponisten wurden ab dem Jahre 1850 und später geboren. Die genaue Aufteilung dieser Komponisten nach Epochen ist nicht mehr möglich, da ab dieser Zeit viele verschiedene Richtungen nebeneinander existierten und eine Trennung in Romantik und Moderne uns zu oberflächlich erschien. Wir haben uns deshalb entschlossen, eine Einteilung ganz formal nach dem Geburtsdatum in Vierteljahrhundertschritten vorzunehmen. Dabei fällt auf, dass mit 53 Namen der Anteil der zwischen 1850 und 1875 geborenen Komponisten der größte ist, gefolgt von 42 Vertretern der Jahrgänge 1876 bis 1900 (27 von ihnen wurden zwischen 1876 und 1890 geboren). Nur sieben Komponisten wurden nach 1900 geboren.

Insgesamt fällt auf, dass Alte Musik sehr wenig aufgeführt wurde, obwohl seit 1929 das Collegium musicum existierte, das sich der Pflege alter Musik verschrieben hatte. Der größte Teil der Aufführungen beruhte auf einem Repertoire, das im späten 18. Und im 19. Jahrhundert komponiert worden war. Zum Teil lässt sich dies sicherlich damit erklären, dass sehr viele Übungsstücke und virtuose Vortragswerke in dieser Zeit geschrieben wurden, da sich das moderne Virtuosentum auszubilden begann. Aber auch viele Standardwerke der Instrumentalmusik wie die großen Solokonzerte und die Orchesterliteratur entstanden hier. Dennoch fällt das fast völlige Fehlen der Moderne der 1920er und 30er Jahre auf. Das zeigt nicht nur das Beispiel Hindemith, sondern die Tatsache, dass von Stravinskij im untersuchten Zeitraum nur ein einziges Stück gespielt wurde: Am 28. Januar 1930 gelangte die Feuervogel-Suite von 1911 auf das Programm. Die Schönbergschule war bis nach Kriegsende in Würzburg unbekannt.

4. Bevorzugte Komponisten

 

1929-30

1930-31

1931-32

1932-33

1933-34

1934-35

Beethoven

Bach

Mozart

Brahms

Beethoven

Mozart

Brahms

Beethoven

Schubert

Mozart

Schubert

Beethoven

Mozart

Mozart

Beethoven

Beethoven

Mozart

Bach

 

Schubert

Zilcher

Bach

Händel

Brahms

1935-36

1936-37

1937-38

1938-39

1939-40

1940-41

Beethoven

Brahms

Bach

Mozart

Brahms

Knab

Schumann

Mozart

Beethoven

R. Strauss

Mozart

Beethoven

Mozart

Beethoven

Schubert

Bach

Beethoven

Brahms

Reger

Wagner

 

 

Händel

 

 

Betrachtet man die meistaufgeführten Komponisten der einzelnen Studienjahre, bestätigt sich dieses Bild: In fast allen Jahren stehen Mozart (unabhängig vom Mozartfest), Beethoven, Brahms, Bach oder Schubert an der Spitze. Aber auch Werke von Hermann Zilcher, der seit 1920 das Staatskonservatorium leitete, wurden regelmäßig aufgeführt. Im Studienjahr 1931/32 findet er sich sogar unter den am häufigsten gespielten Komponisten.

Auffällig ist, dass der meistgespielte Komponist des Studienjahres 1940/41 Armin Knab ist. Diesen Platz verdankte er dem Umstand, dass das Staatskonservatorium anlässlich seines 60. Geburtstags ihm zu Ehren am 27. November 1940 ein Konzert mit vielen verschiedenen seiner Werke ausgerichtete. Allerdings wurden auch in den übrigen Jahren immer wieder Werke von ihm aufgeführt, da er als „regionaler“ Komponist eine besondere Aufmerksamkeit genoss. So erhielt er 1941 anlässlich seines Geburtstags auch die Silberne Stadtplakette.

5. Einige Besonderheiten

Immer wieder wurden Kompositionen von Lehrern oder Schülern des Staatskonservatoriums aufgeführt. Der bekannteste und am häufigsten aufgeführte war natürlich Hermann Zilcher.

Aber auch Werke anderer Lehrer gelangten aufs Programm: Von Eugen Gugel, Professor für Oboe, Harfe, Klavier und Kammermusik wurden mehrere Stücke aufgeführt, so z.B. 1936 seine 2 Stücke für Oboe und Klavier. Ebenso führte Herman Zanke, Professor für Flöte und Klavier, gelegentlich eigene Werke im Rahmen seiner Lehrerkonzerte auf.

Auch Studenten waren verschiedentlich mit Werken vertreten, meist mit Liedern, aber auch mit Orgelkompositionen und Orchesterwerken. Als Beispiele seien Fantasie und Fuge über den Choral Wie schön leuchtet uns der Morgenstern von Anton Biersack genannt, einem Kompositions- und Orgelstudenten, sowie 1934 die Kammersinfonie von Ernst Häublein, der im Lehramtsstudiengang eingeschrieben war.

Ab 1936/37 kamen zunehmend Werke von Komponisten zum Zug, die dem NS-Regime zugeneigt waren. So wurde 1936 nicht nur das Vorspiel zum 3. Aufzug der Musiktragödie Island-Saga von Georg Vollerthun, sondern auch das Rondo für großes Orchester von Otto Wartisch aufgeführt, 1938 die Comedietta für Orchester von Paul Graener. Vollerthun (1876-1945) war seit 1931 NSDAP-Mitglied, Graener (1872-1944) seit 1933 und Wartisch (1893-1969) sogar schon seit 1930. Alle drei Komponisten wurden vom Regime gefördert.

6. Das Jahr 1933

Fragt man nach einem deutlichen Wandel in der Konzertplanung ab 1933/34, ist der Befund negativ: Es gibt kaum Unterschiede zu den Jahren vorher. Nur Felix Mendelssohn Bartholdy verschwand aus den Konzerten; am 12. Mai 1934 erklang zum letzten Mal ein Satz aus seinem Violinkonzert e-Moll. International anerkannte Vertreter der Neuen Musik wie Hindemith und Stravinskij blieben nun ganz außen vor (Hindemith war ab Ende 1934 ohnehin offiziell unerwünscht). Den schmalen Raum für Neues besetzten Traditionalisten und maßvolle Klassizisten. Daraus kann man durchaus auf eine Beeinflussung durch die nationalsozialistische Kulturpolitik schließen. Die Anpassung an sie konnte dank der durch und durch konservativen Ausrichtung des Staatskonservatoriums reibungslos und unauffällig von statten gehen.

Martina Wunn


[1] Jahresberichte aus den letzten Kriegsjahren sind nicht überliefert; wahrscheinlich wurden keine gedruckt.

[2] In den 1920er Jahren gelangten von Hindemith lediglich am 17. 1.1926 die Bratschensonate op. 11/4 und am 17.11.1926 seine Kleine Kammermusik op. 24/2 zur Aufführung.