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Die Spruchkammerakten

Mit der Frage nach der politischen Gesinnung der Lehrenden des Staatskonservatoriums der Musik Würzburg während der Zeit des Nationalsozialismus wurden von uns die Spruchkammerakten von 14 Studienräten bzw. Professoren ausgewertet.[1] Diese Akten dokumentieren den Verlauf und die Ergebnisse des Entnazifizierungsverfahrens, das die Betroffenen in den Jahren 1946/47 zu durchlaufen hatten, um ihre Lehrtätigkeit wieder aufnehmen zu können. Dabei war eine gewisse Dringlichkeit geboten, da das Staatskonservatorium den Unterrichtsbetrieb schnellstmöglich wieder aufnehmen wollte. In seinem Buch Entnazifizierung in Bayern stellt der Historiker Lutz Niethammer fest, dass diese Art des Zeitdrucks aufgrund der Berufsverbote, die die amerikanische Militärregierung in ihrer ersten institutionellen Säuberungsaktion verhängt hatte, die Regel bei der Entnazifizierung war.[2] Im Folgenden soll in aller gebotenen Kürze zunächst das Verfahren mit seinen leitenden Ideen, aber auch seiner Problematik kurz beschrieben werden. Daran anschließend werden stereotype Argumente der Verteidigung vorgestellt. Ihre innere Widersprüchlichkeit führt zu der Erkenntnis, dass sich die meisten Dozenten des Staatskonservatoriums mit dem Typus des Mitläufers identifizierten.

1. Das Verfahren der Entnazifizierung

Ursprüngliches Ziel der Militärregierung war es, politisch belastete Personen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen und so die deutsche Gesellschaft vom Nazismus zu befreien. Für die Militärregierung waren die Parteigenossen die „Träger“ des Nationalsozialismus gewesen. Als politisch belastend galten daher vor allem die Mitgliedschaft in der NSDAP und die Ausübung politischer Funktionen. Das Ergebnis der Entnazifizierung waren zunächst „volle Internierungslager und leere Ämter“[3]. Nachdem die Durchführung des Verfahrens den der deutschen Regierung unterstellten Spruchkammern übertragen worden war, wandelten sich die Ziele der Entnazifizierung hin zur schnellstmöglichen Rehabilitierung der Betroffenen, um die entstandenen Lücken im Beamtenapparat zu füllen. Ursprünglich hatte sich der Begriff „Entnazifizierung“ also auf die nationalsozialistische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit bezogen. Nun strebten die einzelnen Mitglieder danach, möglichst schnell „entnazifiziert“ zu werden, um sich von ihrer Vergangenheit als Parteigenossen zu lösen.[4]

Das Entnazifizierungsverfahren begann mit der Erfassung der vom Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus betroffenen Personen mit Hilfe von Fragebögen, in denen die Mitgliedschaft in NS-Organisationen angegeben werden musste. Die Betroffenen wurden dann anhand der Angaben in eine der folgenden fünf Kategorien eingestuft:

I. Hauptschuldige

II. Belastete

III. Minderbelastete

IV. Mitläufer

V. Entlastete

Ein öffentlicher Kläger formulierte in diesem Zusammenhang eine Anklageschrift mit den Anklagepunkten und der entsprechende Einstufung. Hatte jemand beispielsweise aus seiner Mitgliedschaft in der NSDAP beruflichen Nutzen gezogen, so drohte ihm die Einstufung in die Gruppe II der Belasteten. In einem Verteidigungsschreiben konnte der Beklagte dazu Stellung beziehen. Meist plädierte man auf Einstufung in die Gruppe IV der Mitläufer. Als Mitläufer galt laut Gesetz, „wer nicht mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen oder ihn nur unwesentlich unterstützt und sich auch nicht als Militarist erwiesen hat“[5]. Dies glaubhaft zu machen war relativ einfach. In die Kategorie V der Entlasteten zu fallen, gelang dagegen kaum jemandem. Um als Entlasteter zu gelten, musste man nachweisen, aktiv gegen die Nazis Widerstand geleistet und daraus Nachteile davongetragen zu haben.

In den meisten Fällen erfolgte nach dem Schriftwechsel das Urteil; gelegentlich kam es zu einer mündlichen Verhandlung. Zum Urteil gehörte die endgültige Einstufung und die Festlegung der Sühneleistung, die für die Mitläufer immer in der Zahlung einer Geldsühne bestand. (Hinzu kamen noch die Verfahrenskosten.) Damit war für die meisten Betroffenen das Schlimmste überstanden, da mit der Zahlung der Sühneleistung das zuvor verhängte Berufsverbot endete. So war man in der Regel darauf aus, das Verfahren so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen und sich von den „braunen Spritzern“[6] reinzuwaschen.[7]

2. Die Anklage

Auch die Studienräte und Professoren des Staatskonservatoriums hatten „braune Spritzer“, denn alle waren Mitglieder der NSDAP gewesen. Der teilweise früh erfolgte Parteieintritt war der Hauptanklagepunkt in den Verfahren. Politische Ämter und die Mitgliedschaft in anderen Organisationen, die mit den Nazis in Verbindung standen, waren zusätzlich belastend. Die Daten zur Mitgliedschaft in den verschiedenen Organisationen konnten wir dem Fragebogen entnehmen, den die Betroffenen ausfüllen mussten, sowie den sogenannten „Arbeitsblättern“, in dem von verschiedenen öffentlichen Stellen wie der Meldestelle, der Polizei, dem Finanzamt, aber auch von der Militärregierung, die über die überlieferten Parteiakten verfügte, Angaben zur Person eingeholt wurden.

Der Parteieintritt: Offiziell waren 6 der 14 Betroffenen 1933 oder früher (Adolf Schiering 1932) der NSDAP beigetreten. 6 weitere wurden nach eigenen Angaben 1937 als Beamte automatisch in die Partei eingegliedert. Die beiden übrigen traten der Partei 1940 bei:

Eintritt 1932

Einritt 1933

Eintritt 1937

Eintritt 1940

Prof. Adolf Schiering

Prof. Eduard Eichler
Prof. Franz Ch. Faßbender
Prof. Ernst Gaetke
Prof. Richard Stegmann
Prof. Gustav Steinkamp
Hermann Zilcher

Prof. Eugen Gugel
Prof. Oskar Kaul
Prof. Heinz Knettel
Prof. Karl Witter
Prof. Hermann Zanke

Prof. Karl Bender
Prof. Hans M. Theopold

In einzelnen Fällen gaben die Befragten vor dem Ausschuss an, ihr Parteieintritt sei gegen ihren Willen zurückdatiert worden. So behauptete etwa Hans Christian Faßbender, dass er nicht schon 1933, sondern erst 1936 beigetreten sei.[8]

Dass der Hauptanklagepunkt der Spruchkammer an die Musiker der teils frühe Parteieintritt war, sagt vielleicht mehr über das Entnazifizierungsverfahren aus als über die Angeklagten. Sie alle brachten vor dem Ausschuss gute Gründe vor, warum gerade ihnen der Eintritt in die Partei zu diesem Zeitpunkt notwendig erschienen sei, obwohl ihnen in Wahrheit deren Ideologie fremd gewesen sei. Unabhängig von der Glaubwürdigkeit der Argumente zeigt dies einerseits, dass der Zusammenhang zwischen Parteimitgliedschaft und nationalsozialistischer Gesinnung zumindest nicht eindeutig ist, und andererseits, dass die Anklage auf dieser Grundlage kaum tragfähig sein konnte. (Dennoch ist die Frage berechtigt, wie Karl Bender und Hans Martin Theopold es geschafft hatten, sich bis 1940 der NSDAP zu entziehen, wenn doch alle ihre Kollegen sich schon Jahre zuvor zur Mitgliedschaft genötigt fühlten.)

Andere NS-Organisationen und politische Ämter: Die Dozenten waren als professionelle Musiker ausnahmslos Mitglieder der Reichsmusikkammer, um ihren Beruf ausüben zu können. Außerdem waren sie in Organisationen wie etwa der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), dem Reichsluftschutzbund (RLB) und dem NS-Altherrenbund, der der Reichsstudentenführung unterstellt war, eingeschrieben. Politische Ämter oder Funktionen hatten die wenigsten inne. Eine Ausnahme war der Professor für Musikgeschichte, Klavier und Kammermusik und Leiter des Seminars für Musikerziehung Oskar Kaul. Sein soll exemplarisch illustrieren, wie ein belastendes Faktum nicht nur entschärft, sondern vom Betroffenen zu seinen Gunsten umgedeutet wurde.

Dr. phil. Oskar Kaul (geb. 1885) war 1912 an das Staatskonservatorium der Musik berufen worden. 1922 hatte er sich an der Universität Würzburg für das Fach Musikwissenschaft habilitiert. 1937 wurde er Parteimitglied. In den Jahren 1942-1944 war er auch Vertrauensmann des SD, des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. Für diesen Spionagedienst, der die Gestapo beim Aufspüren von Staatsfeinden unterstützte, reichte Kaul in dieser Zeit regelmäßig Berichte über das Musikleben in Würzburg ein. Angeworben wurde er von der SD-Dienststelle, die sich in seinem Wohnhaus befand.[9] In seiner Verteidigung beteuerte Kaul, über den wahren Charakter des SD nicht Bescheid gewusst zu haben. Außerdem habe er durch seine streng auf objektive Sachlichkeit beschränkten Berichte sogar antinazistisch gewirkt, indem er etwa die Organisation von Musikveranstaltungen, darunter ab 1942 das Mozartfest, durch Kraft durch Freude kritisiert habe. Hierzu passt auch seine Behauptung, dass er in seinem Unterricht immer jüdische Komponisten behandelt zu haben.

Auch wenn der Fall Oskar Kaul eine Ausnahme darstellt, repräsentiert seine Argumentation eine bei allen, die sich vor dem Ausschuss verteidigten, vorhandene Tendenz: Die pflichtschuldige Erfüllung der von Oben verordneten Funktion ohne ideologischen Eifer wurde als entlastendes Argument, ja sogar als Akt des Widerstands gedeutet.

3. Die Verteidigung

Die Tatsache, dass einige Dozenten früher als andere, nämlich 1933 oder sogar schon 1932 in die Partei eingetreten waren oder politische Funktionen innehatten wie Oskar Kaul, hat in der Anklageschrift der Spruchkammer einen formalen Unterschied gemacht, auf die endgültige Einstufung hatte dies keinerlei Einfluss: Alle 13 landeten in der Gruppe IV der Mitläufer. Dies war nichts Besonderes. Niethammer spricht in diesem Zusammenhang sogar von der Entnazifizierung als „Mitläuferfabrik“[10]. Als Mitläufer eingestuft zu werden entsprach durchaus dem Wunsch der meisten Betroffenen, denn wie schon gesagt galt nach dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus als Mitläufer, wer „nicht mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen, oder ihn nur unwesentlich unterstützt hat“. Die Dozenten mussten also in ihrer Argumentation nachweisen, sich nach Möglichkeit den Nazis gegenüber passiv verhalten zu haben, um nach der Entnazifizierung als Mitläufer ihre Lehrtätigkeit am Staatskonservatorium wieder aufnehmen zu können.

Die Argumente, die die Angeklagten vor der Spruchkammer zu ihrer Verteidigung vorbrachten, konnten wir Anwaltsschreiben entnehmen sowie den Protokollen der mündlichen Verhandlung (soweit eine solche stattfand) und in Einzelfällen auch Briefen an die Spruchkammer, in denen die Betroffenen sich selbst äußerten. Zur Auswertung haben wir den Inhalt eines jeden Schriftstücks nach Argumenten gegliedert und diese anschließend miteinander verglichen. Dabei fällt auf, dass einige Argumente sehr häufig und teilweise im Wortlaut fast identisch genannt wurden. Die drei am häufigsten genannten Entlastungsargumente sind:

a) die Rechtfertigung der Parteimitgliedschaft durch Druck von außen, Unwissenheit oder Furcht,

b) die Selbstdarstellung als unpolitischer Musiker und

c) die Beteuerung, sich privat kritisch gegen die Nazis geäußert zu haben.

Zu a) Die Rechtfertigung der Parteimitgliedschaft: Die Verteidigung der Dozenten zielte naturgemäß immer darauf ab, die Anklage zu entkräften, die ja auf ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP beruhte. Zur Entlastung brachte jeder der Angeklagten individuelle Umstände vor, die jedoch alle auf die gleichen drei Punkte hinauslaufen:

- Der Beitritt erfolgte nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Druck von außen oder durch Überzeugungsarbeit, auf die man aus Unwissenheit hereinfiel. (Dies wurde neunmal genannt.)

  • Die Parteimitgliedschaft bestand nur im Übrigen formell: Man hatte kein Amt inne und zeigte keinerlei politisches Engagement. (Auch dies wurde neunmal genannt.)
  • Ausschlaggebend war die Angst um die finanzielle Sicherheit und die berufliche Stellung. (Dies wurde sechsmal genannt.)

In dieser Weise äußerte sich zum Beispiel Ernst Gaetke, Professor für Posaune (geb. 1886). Er gab an, 1933 von einem Freund zum Eintritt in die NSDAP überredet worden zu sein. 1944 wurde er zur Arbeit am Westwall notdienstverpflichtet. Auf dem Transport dorthin verließ er nach einem Fliegeralarm eigenmächtig seinen Trupp. Er wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen und zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. In seiner Verteidigungsschrift führte Gaetke dies zu seiner Entlastung an - mit Erfolg, da der öffentliche Kläger ihn zunächst wegen seines Amtes als Gaumusikinspizient in die Gruppe II der Belasteten eingereiht hatte. Streng genommen sagen aber weder seine Handlungsweise auf dem Weg nach Frankreich noch der Parteiausschluss etwas Substanzielles über Gaetkes politische Einstellung bis dahin aus.

Der einzige, der in seiner Verteidigung kein Wort über den Eintritt in die Partei verlor, war der Studienprofessor für Flöte Hermann Zanke (geb. 1904). Zanke war einer der wenigen, die für seine Einstufung in die Gruppe V der Entlasteten plädierte. Deshalb versuchte er zu zeigen, dass er durch Widerstandshandlungen gegen die Nazis erhebliche Nachteile davongetragen hatte. Er gab in seiner Verteidigungsschrift an, er habe 1932 einen Nazi, der auf einen SPD-Umzug geschossen hatte, unter Lebensgefahr eingefangen und den SPD-Leuten übergeben. 1936 durchsuchte die Gestapo zweimal sein Haus, da er eine jüdische Verlobte hatte und so gegen die Nürnberger Rassengesetze verstieß. Den Bruder seiner Verlobten, den Führer der Breslauer Jungkommunisten, unterstützte er vor und nach dessen Verhaftung. Nach politischen Äußerungen in der Öffentlichkeit wurde er angeblich mehrmals von Offizieren geschlagen und verletzt. Keine diese Angaben konnte Zanke wirklich beweisen, so dass sich an seiner Einstufung als Mitläufer nichts änderte.[11]

Gerade wegen der Ausnahme, die das Verteidigungsschreiben Zankes darstellt, fällt die stereotype Wiederholung in den Argumenten der Anderen bezüglich der Parteimitgliedschaft besonders ins Auge. Die Gründe, die die Beklagten vorbringen, erscheinen ebenso wenig aussagekräftig über die tatsächliche Gesinnung wie das Datum ihres Beitritts selbst.

Zu b) Die Selbstdarstellung als unpolitischer Musiker: 11 der 13 Dozenten charakterisierten sich selbst als Künstler, der sich nie um Politik gekümmert habe. Dieses Argument wurde meist als erstes genannt und keines wurde häufiger benutzt. Lediglich der bereits erwähnte Hermann Zanke, der sich selbst als politisch links charakterisierte, und der Professor für Klavier Hans Martin Theobold, der angab, dank seiner religiösen Erziehung den Nationalsozialismus politisch abzulehnen, beriefen sich nicht auf ein durch ihr Dasein als Musiker unpolitisches Weltbild. Bedenkt man, dass eine gänzlich unpolitische Haltung eine echte oppositionelle Einstellung gegen den Nationalsozialismus ausschließt, irritiert es, dass diese Behauptung, die auch kaum bewiesen werden konnte, entlastend wirken sollte. Die Argumentation verläuft derart, dass ein Musiker, der sich ganz in den Dienst seiner Kunst stellt, sich seinen Horizont nicht von politischen Ideologien verengen lassen dürfe. Man war als Musiker unpolitisch, also auch kein Nazi. Interessant ist nun, dass dieses Argument fast immer mit dem folgenden gekoppelt wurde:

Zu c) Heimliche Kritik: 10 der 13 Betroffenen gaben an, trotz der Parteizugehörigkeit immer kritisch gegen die Nazis eingestellt gewesen zu sein und das auch in persönlichen und halböffentlichen Gesprächen des Öfteren geäußert zu haben, was Zeugen vielfältig bestätigten. (In diesem Zusammenhang sei auf die Praxis der „Persilscheine“ verwiesen, die ein Netz von Zeugenaussagen schuf, die nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden konnten.) Hier zeigt sich ein Widerspruch zu dem an zweiter Stelle stehenden Argument: Man wollte unpolitisch gewesen sein und doch gleichzeitig eine oppositionelle politische Meinung vertreten haben.

Das Nebeneinander von sich ausschließenden Argumenten zeigt zum einen, dass es im Entnazifizierungsprozess kaum um eine wirkliche Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Dritten Reich ging, sondern eher um die Anhäufung von Aussagen, die entlastend wirken konnten. Es zeichnet aber auch das Bild von Menschen, die es sich zu Gute halten, sich der nationalsozialistischen Herrschaft wider besseres Wissen und gegen ihre Überzeugungen untergeordnet zu haben. Dass die oben genannten Unstimmigkeiten in der Argumentation nicht als solche erkannt wurden, lässt die Beteuerung der unpolitischen Einstellung als Reflex erkennen, der die eigene Handlungsweise nur im Rahmen des Privaten, als Ergebnis von je ganz besonderen Umständen interpretieren will und jeden Gedanken an die gesellschaftliche Teilnahme am Nationalsozialismus von sich weist. Dazu schreibt Niethammer:

„Programmatisch waren die NS-Organisationen nie durch gemeinsame und allgemeine Werte integriert gewesen; ihre freiwillige und unfreiwillige Gefolgschaft zerbröckelte nun in eine Vielzahl – oft innerlich vereinsamter – Individuen. “[12]

„Die Betroffenen standen verständnislos vor ihrem Part in der Geschichte, nach dem sie sich jetzt gefragt fühlten, und legten den Kammern nicht selten langwierige und umständliche Lebensschilderungen vor, die in lauter Jämmerlichkeit zerbröckelten. (...) Jede Spruchkammer hatte durchschnittlich an jedem Werktag vier Fälle zu entscheiden. Wer kann schon zwanzig Leben pro Woche durchfühlen, geschweige denn beurteilen? Schon gut. Schwamm drüber. Mitläufer.“[13]

4. Resümee: Als Mitläufer Teil des Volkskörpers?

Die Spruchkammerakten der 13 Dozenten des Staatskonservatoriums der Musik lassen schwerlich einen direkten Schluss zu auf ihre politische Einstellung und Handlungsweise, da das Entnazifizierungsverfahren diese selbst nur oberflächlich beleuchtete. Nimmt man die Aussagen der Betroffenen jedoch ernst und unterstellt ihnen nicht, vollkommen berechnend gewesen zu sein gegenüber den Forderungen des Ausschusses, dann lässt sich feststellen, dass sich die Betroffenen in dem Begriff des Mitläufers durchaus wiederfanden und sich positiv darauf bezogen.

Geht man mit Niethammer davon aus, dass die gesellschaftliche Synthesis des Nationalsozialismus nicht von gemeinsamen politischen Idealen gestiftet wurde, sondern von der Bereitschaft vieler, sich nicht aus ideologischen Gründen sondern zur Wahrung individueller Interessen unterzuordnen, dass also entscheidend für das Funktionieren des Regimes weniger die Elite der fanatischen Nazis war, sondern gerade die Masse der Mitläufer, die als solche Bestandteil des proklamierten deutschen Volkskörpers wurden, dann machen die Aussagen der Professoren klar, warum das Staatskonservatorium der Musik Würzburg als Institution sich ins Dritte Reich eingefügt hat. Dabei bleibt allerdings die Frage offen, ob Niethammers Beschreibung der Deutschen als Mitläufer ausreicht, um das Ausmaß und die Art der von den Nazis begangenen Verbrechen zu erklären.

Sebastian Maier


[1] Vgl. Staatsarchiv Würzburg, Spruchkammer Würzburg 563 (Karl Bender), 1817 (Eduard Eichler), 2086 (Hans Christian Faßbender), 2587 (Ernst Gaetke), 3200 (Eugen Gugel), 4734 (Oskar Kaul), 5129 (Heinz Knettel), 10649 (Richard Stegmann), 10708 (Gustav Steinkamp), 10975 (Hans Martin Theopold), 11925 (Karl Witter), 12090 (Hermann Zanke) und 12180 (Hermann Zilcher). Die Akte von Adolf Schiering enthält nur den Meldebogen, der u.a. Auskunft über seine Parteimitgliedschaft gibt. Im Hinblick auf die Argumentation der Verteidigung waren also nur 13 Akten brauchbar. Im Falle von Hermann Zilcher, der am 1.1.1948 starb, kam es zu keinem Verfahren. Allerdings ist in seiner Akte ein ausführliches Verteidigungsschreiben seines Rechtsvertreters überliefert, das hier ausgewertet wurde.

[2] Vgl. Niethammer, Lutz: Entnazifizierung in Bayern – Säuberung und Rehabilitierung unter amerikanischer Besatzung, Frankfurt a. M. 1972, S. 248.

[3] Ebd., S. 12.

[4] Vgl. ebd., S. 11ff.

[5] Öffnet externen Link in neuem FensterGesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus.

[6] Niethammer, S. 13.

[7] Vgl. Niethammer S. 575.

[8] Die Rückdatierung der Beitrittsdaten könnte mit dem Aufnahmestopp zusammenhängen, den die Partei am 1. Mai 1933 verhängte, um den Ansturm von „Opportunisten“ zu drosseln; vgl. Weigel, Björn: „Märzgefallene“ und Aufnahmestopp im Frühjahr 1933, in: Benz, Wolfgang (Hg.): Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt a. M. 2009, S. 91-109. Eine Nachprüfung ist oft unmöglich, da die meisten Aufnahmeanträge vernichtet wurden. Im Übrigen hat es unfreiwillige Übernahmen in die NSDAP nicht gegeben.

[9] Unter den wenigen erhaltenen Unterlagen der Würzburger Dienststelle des SD sind namentlich nicht gekennzeichnete Berichte aus dem Frühjahr 1941 erhalten geblieben; vgl. Staatsarchiv Würzburg, SD-Hauptaußenstelle Würzburg 33. Was sich der SD von solchen Berichten versprach, bleibt rätselhaft (Anmerkung von C. Henzel).

[10] Vgl. Niethammer S. 617ff. Bei der zweiten, unveränderten Auflage des Buches (Bonn 1982) wurde dieser Begriff sogar in den Titel übernommen.

[11] Tatsächlich war Zankes Wohnung nach einer anonymen Anzeige in Breslau am 18.11.1936 wegen des Verdachts auf „Rassenschande“ von der Polizei durchsucht worden – allerdings ohne Ergebnis und irgendwelche Konsequenzen für den (fälschlich) Beschuldigten; vgl. Staatsarchiv Würzburg, Polizeidirektion Würzburg 196 (Anmerkung von C. Henzel).

[12] Niethammer, S. 601.

[13] Ebd., S. 607.